Künstler oder selbstständig Erwerbende kämpfen während der Pandemie ums wirtschaftliche Überleben und schöpfen zugleich in der Krise ungewohnte Kreativität – drei Porträts. Von Nicole Dreyfus

Aus der Krise zum Erfolg - Tachles, 05.03.21

Mitten im Ersten Weltkrieg kämpften britische gegen osmanische und deutsche Truppen in der Schlacht um Jerusalem. Die Übergabe der bereits damals religiös wichtigen Stadt an die Engländer erfolgte am 9. Dezember 1917 und brachte den Osmanen in der arabischen Welt einen schweren Prestigeverlust. Zwei Tage später zog der britische Generalleutnant Edmund Allenby zu Fuss beim Jaffa-Tor in die Heilige Stadt ein, die damit von 400-jähriger osmanischer Herrschaft «befreit» wurde. Diese historische Begebenheit ist auf einer Altstadttour von Schmuel Kahn zu hören. Zusammen mit dem diplomierten Reiseleiter aus Basel erkundet die 30-köpfige Gruppe aus der Schweiz, die den Rundgang gebucht hat, die geschichtsträchtige Altstadt von Jerusalem, allerdings virtuell. Kahn geht dabei selbst durch das Jaffa-Tor. Nach einem Schnitt sehen die Teilnehmenden den Tourguide bei ihm zu Hause in Jerusalem vor einer Landkarte stehend. Wiederum erklärt er seinem Publikum historische Zusammenhänge, setzt dabei die eine oder andere Anekdote ein. Und nochmals etwas später befindet sich der 33-Jährige auf dem Munitionshügel, wo er vor Ort schildert, was in den schicksalshaften Tagen im Juni 1967 vor sich ging.


Eine Stadtführung vor dem Laptop – was vor etwas mehr als einem Jahr noch als unvorstellbar galt und vermutlich bei vielen potenziellen Touristen auf taube Ohren gestossen wäre, ist heute Realität. Wie viele andere Reiseleiter, ein in Israel geschützter Beruf, der nur mit Lizenz ausgeübt werden darf, musste sich auch Schmuel Kahn nach dem ersten Lockdown vor einem Jahr Alternativen überlegen. «Von einem Tag auf den anderen blieben die Touristen aus. Danach erfolgten nur noch Absagen», erinnert sich Kahn heute. Die letzte richtige Führung gab er im März 2020, ehe die Grenzen Israels pandemiebedingt geschlossen wurden. Auf einmal war auch Europa abgeriegelt, die jüdischen und christlichen Reisegruppen aus der Hauptstadt ausradiert. Wer zuvor wie Kahn 300 Tage im Jahr für Reisegruppen, Individualtouristen und Organisationen Touren auf Deutsch und auf Englisch durchführte, der stand plötzlich in einem Vakuum: «Da war natürlich diese Leere, diese Starre, in der ich gezwungen war, mir zu überlegen, wie es weitergehen sollte», blickt der Reiseleiter, der ebenfalls einen Abschluss in Pädagogik hat, nun zurück. Er habe die Zeit jedoch schnell genutzt, um sich Gedanken zu machen, was die Leute interessieren könnte. «Denn die Menschen brauchen Inhalte, in der Krise mehr denn je.» Er sehe sich im Beruf des Touristenführers als Vermittler, der den Menschen das Land näherbringen wolle, politisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich. So sei auch die Idee entstanden, die Rundgänge auf den virtuellen Kanal zu verlegen. Noch mitten im ersten Lockdown sei er durchs Land gefahren, habe Leute interviewt und diese Gespräche filmisch festgehalten. Später entstanden aus diesen Begegnungen mit Einheimischen Versatzstücke von Präsentationen, die Kahn immer wieder aufs Neue zusammenstellt. Die Touristen zu Hause auf dem Sofa sollen auch vor dem Bildschirm etwas Exklusives erleben, «ansonsten könnten sie sich einen Dokumentarfilm ansehen». Deshalb lasse er sich auf die Wünsche der Kunden ein. «Einmal gehe ich den Spuren des Christentums nach, ein anderes Mal fange ich die Stimmung an Chanukka ein oder zeige, wie viel Schnee auf den Kuppen Jerusalems liegt», erklärt Kahn gegenüber tachles und sagt, es sei ihm wichtig, dass eine pulsierende Stadt wie Jerusalem auch via Übertragung spürbar werde. Kahn, der bereits seit 13 Jahren in Israel lebt, geht mit Elan seinem Traumberuf nach, unabhängig davon, ob vor Ort oder virtuell. Und nach der Krise? Werden die Touristen zurückkommen? «Ja, vielleicht sogar noch mehr», ist Kahn überzeugt, nachdem die Anfragen für die Online-Rundgänge stetig ansteigen. Die Leute hätten ein Nachholbedürfnis. Und obwohl dieses neue Geschäftsmodell keinesfalls geplant gewesen sei, überlege er sich, diese Art von Touren im Angebot, das von Rundgängen durch Jerusalem, Tel Aviv bis hin zur Reise durch das ganze Land reicht, beizubehalten, «so geht zumindest im Gewirr der Jerusalemer Altstadt niemand verloren», schmunzelt der Reiseleiter. Doch Spass beiseite. Wann die Touristen effektiv zurückkommen, kann auch Kahn nicht voraussagen. Er weiss allerdings, dass Innovation und Kreativität höchstens helfen, um die Pandemie zu überstehen. (...)